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Ein neues globales Abkommen, ACTA, könnte Konzernen erlauben, alles, was wir im Internet tun, zu überwachen. Letzte Woche drängten wir erfolgreich die Zensurgesetze in den USA zurück - wenn wir jetzt handeln können wir das EU-Parlament dazu bringen, diese Gefahr zu begraben - mach mit!

(Quelle: tumblr.com)

Endlich online: mein neues Set “Lichtblicke” - kommt mit auf eine kleine Reise…

Sanftmütige Schwermut: Zola Jesus neues Album Conatus

Eindringlich ertönt ihre wundervolle Alt-Stimme durch die Lautsprecher. Erste physische Reaktionen machen sich breit – ein mulmiges Gefühl im Magen, dann Gänsehaut!

Ja, das Warten hat ein Ende. Letzten Montag (26.09.2011) erschien Zola Jesus neues Album Conatus. Viel war zu erwarten nach grandiosen Songs wie Night oder Run me out. War Stridulum II noch von A bis Z dunkel, sphärisch und episch, erklimmt Conatus den Klimax, den  Punkt, an dem Streicher, Bläser und Pauken zum Finale ausholen. Ich hoffe natürlich nicht, dass es ein Finale ist und auch von einem Stilbruch möchte ich nicht sprechen. Conatus ist vielmehr die konsequente künstlerische Weiterführung Zola Jesus Schaffens.

Die Magie von Zola Jesus Musik liegt im Synthetischen, der systematischen Anordnung klarer Klangstrukturen, die vom metaphyische Chaos ins psychische Chaos führen und durchzogen werden von kryptischen, scharfen Klangspitzen. Es geht um zerrissene Seelen, aber – seit Conatus – auch um Hoffnung, denn die Töne werden heller als sie es in Stridulum je waren. Conatus klingt wie Seelenreinigung, der Weg aus dem Schmerz!

Trotz der Einfachheit, ja beinahe Beliebigkeit ihrer Synthiepassagen wirkt die Musik voll und einzigartig. Es ist die intelligente Verbindung von Klassik, Moderne und Zola Jesus Stimme, die ewig nachhallt.  Ja, die Musik ist einfach, aber eben auch einfach schön!

Überhaupt funktioniert bei Zola Jesus sehr viel über das Prinzip der Stimme, was sich in ihrer eigenen und den leisen, um ihr Seelenheil schreienden Chören im Hintergrund zeigt.

Zola Jesus schreit nach Freiheit, dem Weg aus der Depression, dem Licht am Ende des Tunnels. Sie sing von Kraft und Stärke, davon alleine und eigenständig gegen den Wind bestehen zu können und mit erhobenem Haupt sogar hindurchzuschreiten.

Ich bin gespannt, wie sie morgen durch die Funkion One im Berghain schreien wird.

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Sónar 2011 - Hier bin ich Mensch, hier kann ich‘s sein!

Widmung

Für Jane und Simon: Ganz besonders an Euch ein großes Danke für die tolle Zeit. Jane hat so lieb geschrieben, ich sei eine Bereicherung gewesen. Das wart Ihr auch! Aber sowas von - und das meine ich nicht nur auf Barca bezogen. Es ist eine riesen Freude, Euch kennengelernt zu haben.

Prolog

Es ist schon verrückt, wie die Dinge geh‘n und was auch nur eine Woche Freiheit bewirken kann. Das fällt einem immer wieder auf, wenn man Urlaub macht oder auch nur über ein verlängertes Wochenende die Seele baumeln lässt. Im Falle des Sónar Festivals definiert sich Freiheit, ähnlich wie auf Ibiza, über die Kombination aus Partyspaß und Seelenbalsam in Form guten Wetters, toller Musik, Strand-Feeling und natürlich einer beeindruckenden Stadt. Barcelona ist facettenreich und wird nicht selten, zuletzt in Inaritus Meisterwerk „Biutiful“, als Sinnbild von Gegensätzlichkeiten in der Welt verstanden. Langsamkeit und Schnelligkeit stehen sich da ebenso gegenüber wie Schönheit und Tristesse oder Armut und Reichtum. Keine Frage, Barcelona ist eine tolle Stadt, die für jeden etwas bietet und somit der perfekte Ort für ein Tête-a-tête derer, die die elektronische Musikszene prägen und voranbringen und natürlich derer, die sie einfach leben.

Einleitung

Mein erster Abend im Mac Arena Beach Club und später im Macarena war eher unspektakulär und ließ die Frage aufkommen: „Warum eigentlich nicht Ibiza?!“. Um es vorwegzunehmen: die Frage sollte sehr schnell beantwortet werden.   

Natürlich war Mary-Lu, das bekannte Partyeinhorn, ganz vorne mit dabei in Barcelona und wie immer scharten sich um sie viele Menschen, die Fotos mit ihr machen wollten. So rief sie auch ein leicht penetrantes, resolutes Mädchen auf den Plan, das Mary-Lu entführen und unbedingt behalten wollte (Zitat: “Noooo, that’s mine!”) und mir sagte, sie käme „from Germany“. Ich entgegnete ihr, wir könnten dann ja auch auf deutsch weiterreden. Dass Jane, so heißt sie, natürlich alles andere als penetrant und resolut ist, sollte klar sein. Zu Jane gehörte auch Simon, den ich in den folgenden Tagen ebenso in mein Herz schließen sollte. 

Jetzt, im Flugzeug sitzend und einen Abschluss-Champagner trinkend (ich erhebe mein Glas auf Euch alle, die Ihr dabei wart, und gönne ihn mir zum Abschluss eines tollen Uraubs), blicke ich zurück und sehe den Donnerstag als Warm-Up für, einen bombastischen Freitag, den vll. besten Freitag seit sehr langer Zeit.

Wir begannen den Donnerstag mit einer Party auf der Terrasse des W-Hotels. Die Freude auf The Mole und Fuckpony wurde jedoch leider durch zu viele, zu schlecht gekleidete Engländerinnen und eher belanglose Musik schnell getrübt. So entschieden wir uns für eine Tour zum Sónar by Day, gefolgt von einem geheimen M-nus-Gig auf einem kleinen Marktplatz und einem grandiosen, noch geheimeren Geheimgig von Mathew Jonson, Janes und meinem Sónar-Helden, im m-nus-Ghost-Store vor ca. 150 - 200 Gästen. Gänsehaut übersäte meinen ganzen Körper, als er „Learning to fly“ (seinen neuen Release auf m-nus) spielte. Es war heiß wie in einer Sauna und selten habe ich so geschwitzt wie in diesem kleinen versteckten Club auf Zeit. Patrick, den wir zuvor getroffen hatten, sah zu diesem Zeitpunkt bereits aus wie eine Kreuzung aus Panda-Bär und Eule - ich schätze auf Verbrennungen dritten Grades.

Von dort aus begaben wir uns zur Visionquest-Party im Mac Arena Beach Club mit fantastischer Musik, schließlich wollten wir es heute nicht übertreiben, um am kommenden Morgen fit für den m-nus-Showcase im Row zu sein. Enttäuscht und sauer zugleich ging ich jedoch alleine zum Strand, als dieser für uns ins Wasser fiel. Letztendlich jedoch, hätte nichts Besseres passieren können. 


Climax - The Circle of Trust (gell, Simi?!)

In der Sonne liegend und versuchend, mich mit der Situation anzufreunden, erhielt ich eine SMS. Jane und Simon vom ersten Abend. Kurz entschlossen trafen wir uns am Strand, um Pläne für den Abend zu schmieden. Zu diesem Zeitpunkt fieberte ich schon der BPitch-Beach Party entgegen, die für mich schon vorher eines der Highlights dargestellt hatte: Mathew Jonson am Strand - der pure Wahnsinn. Es war ein leichtes, die beiden für meinen Plan zu begeistern. Aus dem „ich“ und „ihr“ sollte kurz darauf ein „wir“ werden. 

Vorher aber fand die Mobilee Rooftop-Party auf dem Hotel Diagonal statt und setze bereits hohe Maßstäbe. Überkochende Stimmung in einem unglaublichen Setting! Über den Dächern Barcelonas spielten sich Rodriguez Jr. live! und Pan Pot die Seelen aus dem Laib.

Es war einer dieser magischen Momente in denen das Publikum genau das Gleiche zu empfinden scheint, in denen es ekstatisch schreit und die Hände in die Luft reißt! Mit Jeroen und Katrin waren die richtigen Menschen für dieses Ereignis natürlich auch an Bord - lachen, tanzen, nicht an morgen denken war unsere Devise.

Der eigentliche Höhepunkt jedoch sollte die Nacht werden. In der Tat war es sogar eine dieser Nächte, die alles andere egal erscheinen lassen, die einem die Chance geben, noch lange von ihnen zu zehren und über die man noch lange mit leuchtenden Augen sprechen wird. Sie war magisch und erfüllend. Ein besonderer Moment, den ich mit tollen Menschen teilen darf. Damit meine ich vor allem Simon und Jane. Wir beschnüffelten uns wie kleine Hunde, um dann im Rudel das restliche Volk aufzumischen.

 Jane und ich nahmen das wörtlich und tobten wie kleine Welpen, wirbelten herum wie kleine Brummkreisel während der Sand sich anfühlte, als schwebten wir auf Wolken - voller Energie und Lebensfreude, immer breit sich noch weiter zu pushen und sich noch mehr in die Musik fallen zu lassen. Wir tanzten, oh ja wir tanzten. Wir tanzten, als gäbe es ein Morgen mehr, als wäre es unser letzter Moment auf Erden, den wir vollkommen machen wollten - wir tanzten miteinander, um uns herum, um das Publikum herum und durch das Publikum hindurch, als wären die anderen Menschen Statisten in unserem kleinen Film - wie bei einem Flipper luden wir uns bei der Berührung anderer Menschen elektrisch auf, um dann unsere Richtung zu ändern. Unsere Arme berührten Boden und Luft und wir konnten, stets bereit alles zu geben, nicht aufhören, einfach nur zu tanzen und das Leben zu zelebrieren. Es war das Gefühl, eins zu werden mit der Musik, zu verschmelzen und völlig aufzugehen in der Dankbarkeit, das gemeinsam erleben zu dürfen. Den Liedtext „Let your body talk“ nahmen wir ernster, denn je zuvor. Die Meeresbrise kühlte unsere glühenden, wie von alleine tanzenden Körper hin und wieder ab. Wir ravten alles um und nieder und riskierten dabei nicht nur durch unseren Tanzstil blaue Flecken (ja, einige Menschen wollten uns wohl körperliche Gewalt antun). Aber: es hat sich mehr als gelohnt - und ja Jane: es wird wieder so werden: das Versprechen gebe ich Dir hiermit! Genau das sind nämlich die Momente, in denen man merkt, welche Kraft in unserer Musik steckt und weshalb sie so liebenswert ist. Und ja, auch für mich zählt diese Nacht zu den besten Parties ever ever ever! 

Auch musikalisch war der der BPitch-Beach das absolute Highlight des Sónar-Festivals. Nachdem Jane ihr erstes Mathew Jonson-Erlebnis als eine Art Offenbarung erfahren durfte, war es Kiki, der den Abend mit wahnsinnig elektronischer und synthetischer Musik abrundete. Sein Set war treibend, immersiv und karthatisch und schloss man die Augen, dann wünschte man sich, dass dieser Moment nie endet. Kurz: Kiki berührte unsere Seelen mit der Wärme seiner Musik. Ernüchternd war einzig und alleine der Moment, in dem die Musik ausging und wir wieder in die Realität geholt wurden. Noch immer tanzten wir - nun zum Rauschen des Meeres und entschieden uns dann, einen kleinen Spaziergang um den Flughafen zu machen. Simon als gelernter Fremdenführer hatte natürlich den vollen Plan, wo wir entlanglaufen müssten :)

Der folgende Tag war zum Entspannen angesagt. Während Simon sich dabei für die Federkern-Variante entschied, ließen Jane uns ich es uns bei Meeresfrüchtekroketten, Paella und Sangria gut gehen, bevor wir einen, wenn auch unfreiwillig langen, Strandspaziergang machten. 

Mich selbst zog es für ein Gute-Nacht-Ständchen noch zu Michael Mayer. Schwer waren meine Beine und so war das, was dort auf die Teller kam in er Tat genau richtig für mich. Michael Mayer spielte ein songlastiges, sphärisches Set, das dazu einlud, seinen Körper im Takt zu wiegen und einfach zu lauschen. Die perfekte Musik für den Abend und ein gelungener Abschluss der ersten Sónar-Hälfte.

Letzter Akt?  

Unsere Zeit in Barcelona neigte sich mehr und mehr dem Ende entgegen. Aber vonwegen „letzter Akt“ - jetzt wurde Urlaub draus :)

 Inzwischen war es schon Sonntag, mein „letzter Tag“ und wir hatten den richtigen Weg, die richtige Kombination aus Party und Strand, gefunden. Besser konnte es nach dem Freitag ja ohnehin nicht werden, also wurde ein Gang heruntergeschaltet. Den ganzen Tag saßen wir am Strand, stießen mit frisch zubereitetem Sangria an und erforschten, wie es den Piraten ergangen sein muss, wenn sie bei starker Flut in Richtung Klippen schwammen, selbst wenn es hieß: „The yellow flag has been raised, keep care and do not swim to the rocks“. Natürlich gab es Blessuren, aber ein Pirat, der kennt ja bekanntlich keinen Schmerz.

Für den Abend suchte ich eine echte Cervesseria aus, um standesgemäß Tapas essen zu können. Enttäuscht wurden wir dabei nicht. Im Gegenteil: für kleine Preise wurde da ordentlich aufgefahren und so war auch die letzte Mission erfüllt. Vielleicht nicht ganz, denn im Mac Arena Beach Club gaben sich M.A.N.D.Y. und DJ T von Get Physical, begleitet von Nôze live! die Ehre. Natürlich durften Simon, Jane und ich da nicht fehlen, um allen anderen ein letztes Mal zu zeigen, warum es nur eine logische Konsequenz war, dass gerade wir uns getroffen hatten. 

Danach schien alles vorbei und es hieß „Abschied nehmen“. Zunächst aber nur von Simon, denn gerade, als ich am nächsten Morgen in den Shuttelbus Richtung Terminal 2 einstiegen wollte, schrieb mir Jane ganz aufgeregt, ob ich noch da sei, sie sei auf dem Weg. Also stieg ich nicht ein, sondern wartete noch bis der nächste Bus kam, den ich wirklich hätte nehmen müssen. Jane erschien plötzlich wie aus dem Nichts in einem B-Movie auf der Straße, um sich zu verabschieden, was mich wirklich sehr freute. Also machte ich mich auf den Weg zum Flughafen, bereit, am nächsten Tag wieder zu arbeiten.  Allerdings, das verrät die Kapitel-Überschrift, sollte der letzte Akt noch ein wenig herausgezögert werden, denn tatsächlich konnte ich nicht abreisen und so entschied ich mich zu bleiben, neu einzuchecken und einfach den „Reset“-Knopf zu drücken. Natürlich war der erste Schock groß, doch schnell freute ich mich über die neuen Umstände.

Letzter Akt

Es folgte ein weiterer toller Tag mit Simi und Jane und eine schöne Verabschiedung von Jeroen und Katrin. Heute ließen wir es uns noch einmal gutgehen. Mit spanischen Leckereien, Cerveza fria vom Strand und natürlich einer krönenden Portion Ben & Jerry‘s am Abend am Hafen. 


Am kommenden Tag war ich es dann, der Simi und Jane zum Flughafentransfer brachte, um dann selbst noch einen Tag zu bleiben und die letzten Sonnenstrahlen zu genießen.

 

Epilog

Was bleibt nun noch zu sagen? Mein Akku ist wieder voll für neue Aufgaben und Abenteuer und ich bin beseelt von einer wundervollen Woche off. Wir hatten eine großartige Zeit, an die wir gerne zurückdenken werden. 

Die Woche in Barcelona setzt für mich den Schlusspunkt eines Jahres, in dem ich es oft schwer hatte, mit mir gehadert und gekämpft habe und mich oft am Ende meiner Kräfte sah, gleichzeitig aber auch den Startschuss zu einem Neubeginn in vielerlei Hinsicht. Das letzte Jahr hat viele Umbrüche mit sich gebracht, aber ich bin wieder da und bereit für neue Taten und freue mich auf die kommenden Herausforderungen, Abenteuer und Erlebnisse. Nur zwei Fragen bleiben zum Schluss noch offen: „Ist eigentlich Euer Hotel weiter von unserem entfernt oder unser Hotel weiter von Eurem?“ Aber natürlich vor allem die Frage: „Wann werden wir uns alle wiedersehen?“ 

 

Euer Plastique

 

Marian - Only our hearts to lose: ein Stück elektronischer Liebe

Kennt Ihr das Gefühl, wenn Ihr jemanden zum ersten Mal begegnet und das Gefühl habt, dass es eine tiefe Verbindung zwischen Euch gibt? Zum ersten Mal begegnete ich Marian am 1. Mai im Görlitzer Park auf einer Deephouse Party. Er flashte mich vom Anbeginn - die Augen hatte ich geschlossen. Unser erstes Mal war eine Offenbarung.

Vielleicht muss ich an dieser Stelle genauer werden, denn sicher stellt Ihr Euch die Frage: “Wer ist Marian?”. Marian ist Musik und das meine ich sowohl metaphorisch, als auch ganz realistisch. Hinter Marian stecken Marek Hemmann und Fabian Reichelt (also MAR(ek) & fab(IAN)), die mit “Only our hearts to lose” ein fantastisches Album abliefern. An unserem ersten Abend wurden sowohl Pictures, als auch Left gespielt - die perfekte Musik für ein Festival an einem warmen Abend beim Sonnenuntergang. Deep, deep bis mitten ins Herz geht ihre Musik von Hemmann und Reichelt und vermittelt wahre “Freude am Tanzen”. 

Es ist ein Album voller Lovesongs, eingängig, mit Beats, die wie ein Herzschlag die Grundlage für Fabian Reichelts tolle Stimme liefern - mal treibend, mal melancholisch, aber nie schmalzig. Was Fabian Reichelt in den letzten Jahren geschafft hat, ist beeindruckend. Als ich 2004 in Jena mein Studium begann, fing auch ein kleines Label an, immer mehr auf sich aufmerksam zu machen. Es war der perfekte Schmelztiegel - eine Kommune von Menschen, die aus ihrer Liebe zur Musik etwas Neues schaffen wollten. Visionäre, die den Puls der Zeit erkannt hatten - unter Ihnen Musiker wie die inzwischen getrennten Wighnomy Brothers, Matthias Kaden oder eben Marek Hemmann.

Zur gleichen Zeit begann ein junger Mann unter dem Pseudonym “Stromer” zu den DJ-Sets in kleiner Jenaer Clubs wie dem Uma Carlson oder dem OGS (später 5th club) zu singen. Jena, muss man wissen, ist eine hochgradig kulturelle Stadt (und das nicht nur wegen Schiller). Experimentierfreude und Spaß stehen bei FAT an oberster Stelle und so war es nur eine Zeit, bis auch Hemmann und Reichelt in diesem Schmelztiegel aufeinandertrafen.

Das Resultat können wir jetzt bewundern. Jedes einzelne Stück ihres Albums ist so eingängig, dass man, egal wo man es hört, lächelt und gewillt ist, gleich loszutanzen. Ihre Lieder handeln von Liebe und sind dabei, selbst, wenn der Text einen ernsten Hintergrund hat, immer voller Optimismus und positiver Energie. Man möchte die Augen schließen und wünscht sich, dass diese Klänge einen für immer umgeben - die Zeit anhalten. 

Hemmann und Reichelt vollziehen einen Stilmix - jazzige Elemente fusionieren mit Breakbeats, dubbigen Soundteppichen und Deep House. Melodisch ist das Ganze vom ersten bis zum letzten Track. Alle Lieder klingen schon für sich satt und zum Pressen auf Vinyl bereit - aber erst Reichelts Gesang macht sie zu etwas Einzigartigem. Wir haben es hier mit zeitgemäßer Musik zu tun, die die Tiefen und Facetten elektronischer Musik tatsächlich zugänglich auch für Leute machen kann, die dem Techno nicht zugeneigt sind. Das mag auf der einen Seite beängstigend sein, zeigt aber auch der anderen Seite, wie zeitgenössische Musik, vielleicht auch zeitgenössischer Pop auszusehen hat. In letzter Konsequenz wird Otto-Normal-Verbraucher nämlich natürlich weder unsere Clubs entern, noch sich der hohen Kunst des Auflegens und Produzierens bemächtigen. Ich sehe aber großartige, ja, genau, Konzerte, vor mir, bei denen anstatt nur zu kreischen, getanzt wird. Auch, wenn die Koletzkis, Kalkbrenners oder Robyns dieser Welt mitunter massentaugliche Musik machen und dafür gehypet werden, was uns natürlich aufstoßen mag, tragen sie doch einen wichtigen Teil dazu bei, dass sich unsere Musik nicht nur weiterentwickelt, sondern dort, wo sie aus anderen Musiksparten entliehen wird, auch richtig interpretiert wird. Denn mal ehrlich: wer will schon die ekelhaften, vergewaltigten elektronischen Passagen in den aktuellen R’n’B- und Hip Hop-Charts ertragen? Wir brauchen ja auch mal Abwechslung von den harten Sounds, mit denen wir uns sonst umgeben. Techno ist Kultur und leistet ihr einen wichtigen Beitrag.

Vom ersten Moment an hat mich das Album gefesselt. Besonders eingängig sind die Pauken in “You and I” - auch, wenn es vermessen klingen mag: würde Beethoven heute Leben, würde er so komponieren (man denke an seine 9.). Meine Lieblingstracks auf dem Album sind “Pictures”, “Left”, “Clouds” und “Empty Room”. 

Man darf gespannt sein, was hier noch nachkommt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Projekt um Leute wie Kaden oder Stefanik erweitert wird - und das wird uns alle wegblasen!

Euer Plastique

Pina - Wenn 3D endlich mal funktioniert!

Derzeit sehen wir uns ja einem inflationären Gebrauch der 3D-Technik ausgesetzt. Meist lieblos und wenig durchdacht wird ein Blockbuster nach dem anderen auf den Markt gebracht und 3D genutzt, um die Ausschöpfung zu erhöhen. Umso gespannter war ich auf Pina von WIm Wenders.

So viel vorneweg: Pina ist ein kinematographisches Meisterwerk und Wenders beweist abermals sein Feingefühl und sein Gespür, den Moment einzufangen. 

Pinas Kraft entfaltet sich in den Point-of-View-Shots, Gruppentänzen, dem Einfangen der Bewegung, der unwahrscheinlich gelungenen Auswahl der Settings oder der Stoffe der Kleider der Tänzer, durch die die Silhouetten ihrer Körper durchschimmern und natürlich durch einen großartigen Soundtrack. Sei es ein einfacher Bühnenraum, der die Räumlichkeit natürlich einengt, sei es die Natur in all ihren Facetten mit Schluchten, Wäldern, puristische Räume oder Industriegelände. Man möchte das Bild in sich aufsaugen, denn jedes noch so kleine Detail, und sei es eine kleine Pfütze, hat seine Berechtigung. Wenders zeigt, was mit 3D möglich ist und gibt der Technik den Platz ihrer wahren Bestimmung - das arthouse Kino und den Dokumentarfilm. So lässt sich erahnen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird und letztlich gibt Wenders auch eine Antwort darauf, wie der Kunstfilm vor seinem drohenden Untergang zu retten ist. 3D kann den Dokumenten-Status eines Films noch einmal betonen. Ohne 3D wäre Pina in der Tat nichts weiter als ein solider bis guter Dokumentarfilm - mit 3D ist er ein kinematographisches Meisterwerk.

Aus filmästhetischer Sicht wird dies aber auch Konsequenzen haben. Wie bei Wenders zu sehen ist, wird der Kamerablick, also der Blick des Schauspielers direkt in den Zuschauerraum legitim. Was in Form eines Konventionsbruchs als Stilmittel und sinngebendes Element gilt, wird im 3D-Film selbstverständlich und entfaltet eine besondere Energie. Aber auch Einstellungsgrößen und -längen und natürlich die Raumgestaltung werden dadurch beeinflusst. Das Öffnen und Schließen von Räumen, der Einsatz von Cash und Cadre, die Nutzung von Filtern oder verwendeten Materialien im Raum - all das hat Wim Wenders bei Pina strukturiert durchdacht und nutzt es für ein einmaliges Filmerlebnis. Bewegungen laufen oft entgegengesetzt, also bspw. nach hinten und vorne und erhöhen so die Wahrnehmung der Räumlichkeit. Oft wirkt es, als wolle Wenders die Leinwand sprengen und eben das ist der visuelle Exzess in seinen Bildern - und nicht explodierende Autos oder einem um die Ohren fliegende Pistolenkugeln.

Ich habe Pina Bausch heute als Frau kennengelernt, die sich mehr über Ihre Körperlichkeit auszudrücken vermochte, als über ihre Sprache. Zu ihren Tänzern, die natürlich auch den grandiosen Cast im Film ausmachen, sprach sie oft in Metaphern. So kommt auch der Film mit wenigen Worten aus, vermag es aber, dem Zuschauer zu vermitteln, wer diese Frau war. 

Die Anatomie von Pina liegt in der Anatomie der Körper und der Landschaft. Pina entführt uns in eine andere Welt, nimmt uns mit auf eine Reise und lässt uns in eine schillernde Zukunft des Films blicken. Pina ist eine Vision dessen, was uns in Zukunft im anspruchsvollen Kino erwarten wird.

An dieser Stelle möchte ich mich aber noch bei der Mutter mit ihrer Tochter bedanken, die neben mir saßen und die ganze Zeit trotz Aufforderung es zu lassen, quasselten und den Film dann noch vor Ende des Abspanns verließen. So Leute sollten lebenslanges Kinoverbot bekommen. Das ist aber auch das einzige, was ich meinem heutigen Filmmorgen anlasten kann - ansonsten bin ich noch immer beseelt von diesem Erlebnis.

Euer Plastique

Gedanken zum Vatertage - ich glaub ich hör’ die Glocken läuten

Sehr geehrter Herr Pfarrer,

ich bin ein Mann Mitte 20. Nächsten Monat habe ich Geburtstag und werde Mitte 20. Für Männer in meinem Alter ist heute in der Tat ein richtiger Feiertag. Traditionsbewusst wie ich bin, empfinde ich es als meine Pflicht, mir gepflegt einen hinter die Binde zu kippen. Auch der Abend vor dem Vatertag ist meist recht anstrengend, da Männer bereits für die ausgiebige Wanderung trainieren und ihre Kehlen massieren müssen. Der Name Himmelfahrt ist dabei ein sehr treffender, denn der dauernde Alkoholkonsum sorgt für Blähungen, die dazu führen, dass man(n) ständig einen gen Himmel fahren lässt.

Am heutigen Tag wurde ich abermals mit der Tatsache konfrontiert, dass man sich in Ihren Kreisen scheinbar nicht mit den Traditionen anderer auseinandersetzt oder diese toleriert. Ich wurde von einem ohrenbetörenden Lärm und Glockengeläuft geweckt, so dass ich mich in der Tat fragen muss, wo Ihr Anstand geblieben ist und ob sie noch alle Latten am Zaun haben. Ich musste mir folgendes Szenario vorstellen: würden wir uns unsere Tour heute auf einen Turm führen, um dort, jeder mit einer Glocke unterschiedlicher Größe an den Klöten befestigt, ein wenig Radau zu machen und unsere Männlichkeit zu feiern, so bin ich mir sicher, hätten wir die nächste Nacht bei unseren Freunden in grün verbringen müssen. Martin Luther King sagte einmal: “Ich habe einen Traum.” Den habe ich auch. Sogar zwei. Einer davon ist, dass sie mich endlich mal ausschlafen lassen an Feier- und Sonntagen. Der andere ist, einmal morgens um 6 (dafür würde ich auch aufstehen) auf Ihren Kirchturm zu steigen und, hoch über den Dächern der Stadt, “Wir fahren in den Puff nach Barcelona” zu singen, um die frohe Botschaft zu verkünden, dass wir leben.

Herrn Erdogan hatte man vor kurzem zu erklären versucht, dass man auch mal mit Traditionen brechen muss, um eine Gemeinschaft zu formen. Bei Ihren Traditionen muss ich in der Tat schon jedes Wochenende brechen, wenn ich gleich zwei Mal aus dem Tiefschlaf gerissen und daran erinnert werde, dass andere es scheinbar nicht mögen, wenn man, anders als sie, kein langweiliges Leben führt. Andere Traditionen sieht oder hört man hierzulande nicht gerne, die eigenen werden aber ausgiebig zelebriert. Mit Verlaub: hackt’s?

Natürlich sind Traditionen einer Kultur, aber sie sind eben auch das Tor, um Kulturen vermischen zu können - und dazu muss man mit manchen brechen, bevor man sie anderen aufzwingt. Die Geschichte hat nämlich gezeigt, dass genau das zu den meisten Morden und Kriegen führte.

Kürzlich huldigte ich gegen Mittag (außerhalb der nicht mehr praktizierten Mittagsruhe) dem Sonnengott - ich hatte das Fenster geöffnet und spielte frohe Lieder auf meinem Mischpult, als es klingelte. Eine fremde Frau (sie muss gegenüber anderer Traditionen und Lebensfreude ebenfalls sehr intolerant gewesen sein), die wohl auf der Straße vorüber lief, forderte mich aus, die Musik leiser zu machen, was ich auch tat, da ich rücksichtsvoll und friedliebend bin und Ärger mit der Staatsmacht nicht positiv gegenüber eingestellt bin. Aber so ist das wohl in unserer Kultur, dass die einzigen Kulturen, die man pflegt die eigene, oft auch die ganz individuelle und die Pilzkultur an den eigenen Füßen sind. Aber genau deswegen frage ich mich, wieso ich immer wieder Ihre Scharmützel ertragen muss, mich aus dem Schlaf zu reizen. Sehr kulturell finde ich das nicht! 

Ich habe einen Wecker, Herr Pfarrer. In diesen ist eine Funkuhr integriert und die Batterien habe ich seit 7 Jahren nicht gewechselt. Machen Sie sich keine sorgen, sollte er eines Tages ausgehen, ist auch meine innere Uhr super getacktet und im Notfall habe ich so viele Überstunden auf meinem Konto, dass ein Zuspätkommen auf Arbeit gar kein Problem wäre. Wobei - da ist ja ein Denkfehler drin - ich muss ja am Wochenende gar nicht arbeiten und lasse den Wecker deswegen aus. 

Für mich bedeutet Tradition Schweinebraten, vielleicht auch verschrobene Familientraditionen wie das gegenseitige Streicheln im Genitalbereich, wenn sich Bruder und Schwester nach der Schule treffen - es sind Dinge, die nur im Kreis derer funktionieren, die daran partizipieren und die Außenstehende nicht belästigen. Kultur bedeutet für mich Wissensvermittlung in Gedichten des Dadaismus oder die Musik der Wildecker Herzbuben. Durch solche Dinge wird unsere Gesellschaft geprägt, nicht aber durch ihre alten Glocken, die noch nichtmal einen hellen Klang haben.

Eines Tages, wenn ich mir mal wieder die Lichter ausgeknipst habe, werde ich Ihre Glocken abknipsen. Seien sie sich dessen sicher. Und als Sinnbild meines Triumphzuges werde ich sie auf dem Marktplatz einschmelzen, wie Ihre Kollegen damals die Hexen verbrannten.

Der Gezeichnete (Plastique)